Finsternis und Kälte

8. Februar 2012

Die Bibel spricht im Zusammenhang mit der Hölle von Finsternis und Kälte. Was Finsternis bedeutet, war mir spätestens klar, als im schalldichten Musikbunker, einem ehemaligen Bunker aus dem 2. Weltkrieg, von denen es in Hamburg noch viele gibt, die Tür ins Schloss fiel. Es war sehr finster. Ich sah sozusagen gar nichts mehr. Ich sah nicht den Lichtschalter, ich sah nicht den Boden und ich sah die Decke nicht mehr. Ich konnte nicht schreien, da der Raum ja schalldicht war und ich konnte nicht rausgehen, denn es gab nirgends ein Licht. Es warsehr verwinkelt, und ich fühlte mich an eine Freundin erinnert, die im Dschungel in Malaysia unterwegs war, und mir erzählte, dass vor dem Dschungel immer ein Schild steht, dass man jemanden informieren sollte, dass man jetzt gerade in den Dschungel geht und man sollte, wenn möglich, vor Einbruch der Dunkelheit, wie ein Schulkind, wieder draußen sein, denn sonst müsste man gleich ganz im Dschungel übernachten.

Vor allem wusste ich seit dem Moment, als das Licht ausging und ich mich völlig allein nachmittags mitten in einer Großstadt freiwillig, ohne überhaupt jemandem Bescheid zu sagen, zum Klavier üben in dem Musikbunker ohne Licht befand, seit dem wusste ich, dass Panik in solchen Momenten ganz fehl am Platz war. Und also atmete ich ein-, zwei-, dreimal durch und sagte mir immer wieder, irgendwo muss der Lichtschalter doch sein. Ich tastete die Wand entlang, alleine, im dunkeln, in der Finsternis.

Das zweite Wort, das mit dem Begriff der Hölle zusammenfiel, ist Kälte. Na gut, ein bisschen kalt eben. Denkt man, bevor man den Winter 2012 kannte, mit zweistelligen Minusgraden über zweistellige Wochen. Zwar im Hellen, mit einer herrlichen Wintersonne, aber die Kälte allein, konnte einem schon Angst machen. Vor allem, wenn man von den vielen, es waren schon über 300 Menschen, Kältetoten sprach.

In Kombination von Finsternis und Kälte, kam das Wort Hölle plötzlich wie eine Kreuzung aus einem Pitbull und eisigem Wind daher. Auf einmal schien man sich etwas unter dem Begriff Hölle vorstellen zu können. Man dachte ja immer, der Teufel sei so lieb mit zwei roten Hörnern, wie er lustig um ein Feuer, die Hölle, tanzte.

Es war so ganz anders, es herrschte Zähneknirschen, und es gab keine Knirscherschiene, zwischen dem Kiefer, es war finster und es war kalt. Eisige Kälte und tiefste Finsternis. Wer möchte da schon hin. Ich nicht.

die große liebe

5. Januar 2012

Gibt es die große Liebe? Nein, tut uns leid. Die große Liebe ist leider schon ausverkauft. Über Weihnachten haben einfach zu viele einsame Herzen eine große Vorratspackung große Liebe bestellt.

Vielleicht probieren Sie es einmal hiermit? Die kleine Liebe, wenn Sie sich daran gewöhnt haben, können Sie auch ein Upgrade kaufen. Die mittlere Liebe, leicht zu installieren. Ihr Herz und das Ihrer kleinen oder mittleren Liebe sind ja kompatibel.

Viel zu viele Leute fragen uns immer nach der großen Liebe. Nur, dazu sollte man wissen. Liebe geht ja durch den Magen und da sollten Sie lieber vorsichtig sein. So eine große Liebe gleich zum Frühstück verursacht Bauchschmerzen bis hinein in die Lebensmitte.

Dann fällt plötzlich allen ein, dass Ihr Leben doch zu materiell und zu wenig liebelastig ist. Das wollen viele möglichst schnell ändern und bestellen die ganz große Liebe. Nur das wird schwierig. Die Liebe gibt es zwar in allen Größen und Formen, nur die Auswahl sollte man sich gut überlegen.
Zwar mag man alleine einsam und glücklich sein, zu zweit vielleicht gemeinsam unglücklich. Das sollte man schon gut abwägen. Was macht die Liebe, wenn Kinder kommen? Was wird aus der Liebe, wenn einer der beiden Ehepartner arbeiten möchte oder sogar eine Karriere anstrebt. Die Version Herdprämie ist einfach mit der Liebe nicht kompatibel.

Dazu empfehlen wir einen bescheidenen Lebenswandel, Luft und Liebe. So würde das schon über die ersten Jahrzehnte gut gehen! Der beste Zeitpunkt für ein Kind ist zweifellos mit 67! Heutzutage gar kein Problem (siehe Abraham und Sarah), die Medizin ist da schon sehr weit. Wenn Männer mit rüstigen 75 Jahren Väter werden, warum sollten Frauen nicht mit 68 das erste Mal ein Kind bekommen.

Gut ist daran, dass schon 45 Jahre (gleich nach dem Bachelor Festanstellung bis zur Rente) in die Rentenkasse eingezahlt wurde. Dieses Geld können Sie gut für die Erstausstattung des Kinderzimmers verwenden. Kitaplätze wurden gar keine mehr gebaut, die lieben Kleinen spielen doch lieber zuhause an der WII oder vor dem I-Pad. Menschen stören nur in der Erziehung, besonders der Kontakt zu anderen Familien oder sogenannten Freunden sollte möglichst reduziert werden, um nicht gemeinsam ein Picknick oder einen Kinobesuch zu unternehmen.

Ach ja, die große Liebe, die geht natürlich nicht in die Rente, die bleibt immer so wie sie war. Prickelnd und aufregend! Vom Feinsten! Probieren Sie es ruhig aus, bei Umtausch nehmen wir Ihren Partner zurück oder Sie kaufen sich von unserem Gutschein das Model Pachworkfamilie 3.0 mit 7 Kindern von 3 Männern und gründen eine WG mit Jung und Alt, und mit der großen Liebe.

Leben aus Stahl

29. Dezember 2011

Langsam passierte das, was ich immer verhindern wollte. Was nie passieren sollte, trat doch ein. Obwohl ich mich wie eine Katze um den heißen Brei, um die Verantwortung für dieses Leben schön weit außen herum geschlichen hatte, wurde das Unvermeidliche Realtität. Allein schon bei diesem kalten Wort der Wirklichkeit wollte ich mich wieder in die Bettdecke meiner Träume vom Leben wie es hätte sein können, verkriechen. Aber statt des ganzen wie es hätte werden können, wenn es denn einmal anfangen würde, beschloss ich, nicht nur die One- und die Half-Night-Stands aus meinem Leben zu verbannen, sondern den ganzen Konjunktiv gleich mit.

Die Verantwortung für mein Leben war ein Tu-Wort. Tu es einfach! So, keine Ablenkungen mehr, keine Ausflüchte oder Ausreden. Es ist wie es ist und es wird nur ein bisschen schöner, wenn ich meinen Stuhl ein Stück weiter in den Sonnenschein stellen würde.

Mein Luxusleben, wie meine Kosmetikerin es nannte, die gleich mit 19 ein Kind bekommen hatte und seitdem anderen Menschen Masken ins Gesicht cremte, schrie laut auf, angesichts meiner extrem relaxten Lebensweise. Kind! Werd erwachsen!

Schon gut, wenn ich eins nicht mochte, war es angeschrieen zu werden. Deshalb, immer schön freundlich bitte. Oder jemand erhob sich zu mir zu sagen: Du musst dein Leben leben. Dein eigenes! Und dieses du musst war wie ein elektrischer Stromschlag, nach dem ich zwar plötzlich völlig wach, aber ebenso handlungsunfähig war. Ich musste gar nichts, wenn schon, dann wollte ich!

Ich wollte es: Alles! Genau wie die anderen auch. Und doch anders. Dieses Leben mit der Verantwortung aus Stahl, um das Gerüst für meinen Lebenswandel zu bauen. Auf einem Fundament aus Vertrauen und einer Routine von Arbeiten, Kaffee trinken und im Sonnenschein sitzen, wurde ein Haus meines Lebens, in dem die Tür nicht mehr schief hing und wo ich mich daran machte, die Fenster zu putzen. Ich wollte schließlich was sehen. Wenn es mich immer nur blendete, was die anderen schon alles erreicht hatten, soviele Stockwerke würde mein Häuschen niemals haben.

Ich war schon froh, wenn ich einigermaßen zurecht kam und jeden Tag zufrieden war! Ja, es war ein Anfang, dieser Kampf mit der Verantwortung in diesem zuckersüßen Leben, das nur mir gehört. Vielleicht konnte ich es mit jemandem teilen. Der zu mir zieht und aus meinen Fenstern nach draußen sieht. Oder ich würde gleich rausgehen, mich etwas trauen. Etwas risikieren. Und wenn es nur der Alltag war, dessen dunkelgrau ich mit meinem bunten Lachen verschönerte! Ich begann und es fühlte sich gut an. Nicht rot, nicht gelb. Etwas dazwischen eben. Mein Leben!

Kinder-Arbeiten-Leben-Hausbauen-Rente-Fertig

21. Dezember 2011

Ich wollte einfach nur noch meine Ruhe. Ich hatte soviele Jobs gemacht, dass Jobben mein ganzer Lebensinhalt geworden war. Obwohl man doch jobbt, um zu leben, lebte ich ausschließlich, um mich zu bewerben. Ein Tag ohne Vorstellungsgespräche war ein verlorener Tag. Kein Human Resources Manager, der mit mir Kaffee trinken würde, dem ich mein Curriculum Vitae in allen Einzelheiten erzählen konnte, der sich vorbeugte und mich fragend an sah, um sich nach meinen Gehaltsvorstellungen zu erkundigen.

Ach ja, genau, das liebe Geld, ich hatte schon ganz vergessen, dass die Bezahlung ein wichtiger Teil der Arbeitswelt geworden war. Eigentlich der wichtigste. Jetzt in der Eurokrise, wo selbst die Koalition Lohnuntergrenzen, die früher einmal Mindestlohn genannt wurden, beschlossen hatte. Ich verdiente immer weit darüber.

Ja, das Studium machte sich bezahlt, aber einen Einstieg zu finden in die Berufswelt war ungefähr so leicht, wie aus dem Atomausstieg auszusteigen. Es musste endlich etwas passieren, etwas das Fukushima ähnlich war. Eine Explosion.

Statt mich auf das Vorstellungsgespräch zu konzentrieren, schweiften meine Gedanken ab. Würde es mir hier gefallen? Eigentlich brauchte ich ja nicht viel, einen Schreibtisch, einen Laptop, einen Kaffee. Fertig! Und hübsche Personaler zum Flirten.

Ja, ein bisschen Geld, 30.000, 40.000, Boni, Tantiemen und Incentive-Reisen an die Copa Cobana.

Ob ich mir Kinder wünsche? Was? Oh, einen Moment nicht aufgepasst und dann das, ein Moment nicht aufzupassen, würde mich meinem Kinderwunsch vielleicht näher bringen. Haben Sie denn Kinder? Es geht hier nicht um mich! Stimmt auch wieder.

Kinder-Arbeiten-Leben-Hausbauen-Rente-Fertig. That´s not my name!!!

4 Tage mit meiner Schwester

16. Dezember 2011

Ich landete. Wir verbrachten 4 wunderschöne Tage miteinander. Wir fuhren zum Flughafen und ich flog wieder zurück. Das war alles. 4 Tage mit meiner Schwester.

Das ist wohl nichts besonderes, denkt mancher jetzt. 4 Tage mit seiner Schwester, soviel hat doch jeder schon einmal mit ihr verbracht. Zumal sich Geschwister oft sogar über Jahre sehen, erleben, begleiten, sich fast besser kennen als sich selbst. Immer ist jemand da, der die Geheimnisse erst teilt und dann schon weiß, bevor sie überhaupt geheim werden.

Aber Geschwister sind nunmal keine Eltern, oder besser gesagt, zum Glück. Entschuldigung, liebe Eltern, nichts gegen euch. Nur wir Geschwister haben es eben leichter ohne euch, miteinander auszukommen.

Als ich auf dem Weg zum Flughafen war, hatte ich noch etwas Liebeskummer, von meinem letzten One-Night-Stand. Nun, in Wirklichkeit, war es eher ein Half-Night-Stand, weil ich den Typ nach 3 Uhr nicht mehr zu Gesicht bekam. Nur seinen Namen und seine Küsse hat er mir hinterlassen.

Während ich auf der Anzeigetafel am Flughafenterminal ein Bild mit Sonne betrachtete, das mir mitteilte, dort wo ich in 1,5 Stunden landen würde, schien die Sonne bei 14 Grad, da tat er mir plötzlich leid, dieser Typ mit dem Namen mit M. Martin, oder Markus oder Matthias. Ach, egal.

Ich dachte, wie schrecklich, das er Einzelkind ist und ganz ohne Geschwister leben muss. Wie schrecklich! Ohne Geschwister, allein zu sein, war wohl die schwerste Krankheit, die einen treffen konnte. Es war quasi wie Einsamkeit von Geburt an. Bei allem Streit unter Geschwistern, eins übertrifft doch alles: Man ist nicht alleine. Da ist noch jemand. Zum Spielen und zum Streiten.

Jemand zum Vertragen und Vollquasseln, in schlaflosen Nächten und der die Bücher schon vor einem selbst zerlesen hat und Ecken und Markierungen hinterlassen hat. Der sich die gleichen bunten Stifte zum Malen schnappt und doch ein ganz anderes Bild entstehen lässt.

Das Bild, das meine Schwester gemalt hatte, war eine Familie geworden. Dort standen Mann und Frau und 2 Kinder. Ein Junge und ein Mädchen. Genau da würde ich jetzt hinfliegen. In 10.000 Metern Höhe mit viel Vorfreude im Bauch.

Als ich also im Flieger saß und mir die Welt von oben ansah, die vielen Lichter und die kleinen Autos und Straßen, alle Sorgen und Ängste waren von oben betrachtet leer und überflüssig. Auch hier oben in der Luft gab es Menschen, die in fremden Sprachen redeten und doch den gleichen Kaffee, Tee und die gleichen leckeren Brötchen aßen. Eine ganze Welt in einem Flug versammelt.

Ich dachte, wie sehr er mir leid tat, der Mann mit M, den ich vergessen wollte. Mit jedem Meter, den wir vom Boden entfernt waren, verließen meine Gedanken ihn und ließen ihn gehen, ließen los und sagten Auf Wiedersehen zu ihm.

Im Grunde war er ein ganz armer Mensch, denn er hatte keine Schwester, die er besuchen konnte. Die einem den Flug schenkt, den Hin- und Rückflug. Die weiß, dass selbst nach 4 Tagen, die alles waren, was wir gemeinsam hatten, ein Rückflug eine gute Idee war. Denn das Leben ging weiter, der Alltag. Die Windeln mussten gewechselt werden und Montag ging der Kindergarten wieder los. Auch die Arbeit, der Kindergarten für die Erwachsenen. Unten auf der Erde, in einer anderen Sprache, mit dem gleichen Kaffee und den gleichen leckeren Brötchen.

Nein, das hier hatte er nicht. Er hatte nicht diese Schwester, Schwager, Neffen und Nichte, die man in einem Flugzeug quer über Europa besuchen konnte. Die einen am Flughafen abholen würden und mit einem durch die halbe fremde Stadt in ein frisch bezogenes Bett fahren würden, an einen Tisch, wo es am nächsten Tag Frühstück gab. Und Mittagessen, mit fremden Zutaten. Aber es schmeckte sehr lecker!

Und ich möchte nie tauschen, mit keinem Leben mit dem Mann mit M, ohne diese 4 Tage mit meiner Schwester, die unvergesslich schön waren. Kurz, aber schön. Und gar nicht mehr fremd.

Schatzstadt voller Abenteuer

22. November 2011

Ja, ich konnte das auch. Wie immer Freundinnen mit Babys im Arm zu mir sagten, das kannst du auch! Ich traue dir das zu, ja und ich traue mir das auch selbst zu. Wenn es nur dieses eine Leben gibt, will ich es voll ausschöpfen und mich hinaustrauen, ans Ende unserer Sackgasse, dort wo die Schnellstraße beginnt, wo die Ampeln von rot auf grün springen, und einem 20 Sekunden Zeit lassen, sich zu entscheiden, zwischen Abitur und Ausbildung, den richtigen Weg zum Studium zu gehen, über die Straße mit allen ihren Gefahren und überschnellen Autos, an Dingen, die passieren, die wir uns nicht erklären können. Schaffe ich es, auf die andere Seite. Dort angekommen, zum Studium, um mein Leben zu studieren. Warum ich eigentlich hier bin.

Ich möchte das auch. Dieses Leben, ich kann es mir vorstellen, das würde sicher Spaß machen! Mit einem Kind an der Hand und einem Mann auf der Arbeit. Nur für mich! Es konnte beginnen! Auf einmal entdeckte ich, dass Leben mit Kindern konnte Spaß machen. Es musste ja nicht immer nur das Geld sein, das stimmte. Es musste die Einstellung ausmachen, dass es sich lohnte. Dass das Leben sich lohnte. Nicht mehr auf alles verzichten. Sich einschränken. Kein gebrauchtes Fahrrad mehr, sondern ein neues. Glänzend, mit Chrom, mit Bremsen und Licht, mit einem Fahrradkorb, in den man einen Hund setzen konnte. Und einem Gepäckträger, auf den man sich einen Kindersitz montierte. Wie cool! Ein Hollandrad mitten in Hamburg, mit mir drauf und hinten einem Kind drin, das auch von mir ist. Und einem hübschen Mann neben mir, der meine Hand faßt und sagt, ja, Ja zu mir und Ja zum Leben, und Ja zu Hamburg. Dieser Schatzstadt voller Abenteuer. Mit einer Morgenpost am Abend und einem Abendblatt am Morgen. Und dazwischen der ganze Zucker, der neben dem Latte Macchiatto umgekippt ist und den Holztisch in eine Ameisenstraße verwandelt.

So, machen wir das. Wie die Marienkäfer, eins, zwei und dahinten Nummer drei. Im Zukunftsjahr 2012, wo eigentlich die Welt untergehen sollte, nach den Hitzeperioden, den Überschwemmungen und den explodierenden Atomkraftwerken unter dem sternenklaren Nachthimmel.

Da beginnt mein Leben!

Im Schatten unter den Bäumen, mit Pferden auf den Koppeln und Kaninchen im Garten, grasgrünes Glück! Ich will es schaffen, ich weiß noch nicht wie. Aber dass ich es will, weiß ich schon lange.

Es ist wie mit den gemischten Brüchen, dieses Leben. Man musste sie nur umwandeln in echte Brüche. In ein echtes Leben, das lange genug gemischt war. Durchstarten und aufwachen, losgehen und sich freuen!

Denn, da bin ich sicher, das Leben lohnt sich, es ist es wert, zu gucken, was sich hinter der anderen Ecke versteckt. Und wenn es eine Demo gegen Bildungskürzungen ist, will ich dabei sein! Mit meinem Mann und meinem Kind an der Hand, und auf dem Rückweg in unsere Altbauwohnung in Eimsbüttel einkaufen. Um zuhause einen fast perfekten Käsekuchen zu verwirklichen, solange bis es gelingt. Solange will ich leben, bis es gelingt. Und gut schmeckt. Noch ein paar Zutaten hinzufügen und mich an dem Ergebnis freuen!

Darum sind wir hier. Und das mit dem Geld bekommen wir auch auf die Reihe. Ich suche mir selbst die Kuchenstücke aus, die ich mag! Ein großes Kuchenstück für mich bitte, und eins für meinen Mann und eins für unser Kind!

Guten Appetit, das Leben schmeckt mir :-)

oktoberliebe

1. Oktober 2011

Da saß ich nun mit überschlagenen Beinen auf den sonnenschirm überdachten Stühlen direkt im Herzen Hamburgs, auf dem Schulterblatt, das so heißt, weil es sich hierbei um das Schulterblatt eines gestrandeten Wales handelte, damals gab es noch keinen leckeren Latte Macchiato, der nun frisch gebrüht vor mir in einem hohen Glas mit einem schlanken Löffel und einem kleinen feinen Amaretto-Keks am Tellerrand wartend vor mir stand. Gerade wollte ich meine keramiküberzogenen Zähne in das noch heiße Schinken-Käse-Sandwich eintauchen lassen, als mir der Gedanke kam, der anderen Leuten erst auf dem 20-jährigen Abitur-Nachtreffen kam. Endlich angekommen zu sein, nicht mehr zwischen den Stühlen zu sitzen, oder zwischen den Stühlen zu stehen, sondern Platz zu nehmen, und mich zurückzulehnen.

Ich hatte es geschafft, der Weg war das Ziel und nun war ich noch gerade rechtzeitig abgebogen an der Weggabelung. Ja, das Studium war abgeschlossen, ich war seit knapp 8 Jahren Wohnungsmieterin ohne Mitbewohner, nur mit netten Nachbarn und wenn ich mal an dem Hauptgebäude der Universität Hamburg vorbei kam, ungefähr 10 mal pro Tag, dachte ich mir immer, Mensch, hier hast du die ganze Zeit studiert. Und auf einmal war es nur noch ein Gebäude, wie die Post oder die Bank, an der junge Studenten ihre Zukunft und sich selbst kennen lernten. Ich hatte eine Ausbildung als Bankkauffrau, einen Studienabschluss mit einem Vordiplom in Betriebswirtschaftslehre, den keiner mehr kannte und einen Bachelor of Arts, was wildfremde Leute in großen Unternehmen zu der Frage hinreißen ließ, ob ich Kunst studiert hätte. Mir konnte doch nichts mehr passieren, ich hatte mir auch schon überlegt, was ich auf die Frage nach dem Bruttojahresgehalt antworten sollte. Eine 5-stellige Zahl mit einer 3, 4 oder 5 vorne. Ich fieberte der Gehaltsfrage schon entgegen und hätte dem Personaler auch gleich noch mein Sternzeichen und meine Schuhgröße verraten, um eingestellt zu werden. Denn darum ging es. Vollzeit und ohne Zicken. Ganz und gleich und endgültig. Egalite, Fraternite, Superjob einfach. Fertig.

Der Personalleiter Human Recources sah mir direkt in die Augen. Der Kaffee war schwarz mit Zuckerstückchen und Milchkännchen. Da meinte er ganz gelassen: Sie haben zwei Probleme: Sie haben einen Bachelor und Sie haben Sozialökonomie studiert.

Da waren sie wieder, meine beiden Probleme: Ich hatte einen exotischen Studienabschluss in einem sehr exotischen wirtschaftswissenschaftlich-sozialwissenschaftlichen Studiengang ausgewählt, obwohl doch eigentlich BWL ganz normal und ein Bachelor im Jahr 2011 die aktuell gültige Examensbezeichnung war.
Andere waren schlicht nur Dipl.-Kaufm. oder die weibliche Variante, Dipl.-Kauffr. Ich wollte ja auch lieber Dipl.-Kauffr. sein als B.Sc., was Leute zu distanzierten Blicken verführte, als hätte ich den EHEC-Erreger.

Am liebsten war mir diese Vorstellung, das ist unsere Frau H., die hat studiert! So, die anderen Mitarbeiter des Unternehmens sahen mich groß an, und überlegten, ob es zwischen Handkuss und Verbeugung eine richtige Wahl zur Begrüßung von Lebewesen gab, die aus dem sonderbaren Gebäude einer Universität kamen, in dem sie es über mehrere Semester ausgehalten hatten.
Können Sie denn auch mit Word umgehen? Oder sind Sie dafür überqualifiziert? Sie haben ja schließlich studiert. Ja, wenn Sie möchten, kann ich auch mit dem Stift auf einen Zettel Notizen machen. Nur durfte ich kein griechisches Summenzeichen aus der Statistik-II-Vorlesung als Gleichzeichen benutzen, ohne gleich wieder gefragt zu werden, was das denn darstellen soll. Ja, die gaußsche Normalverteilung, xi ist gleich der Summe der xn. Ach, egal, vergessen Sie´s. Gehen wir einen Kaffee trinken, sonst gerate ich noch ins Schwärmen von Erstsemesterpartys mit warmem Bier, die mitten in der Woche stattfanden, um am nächsten Tag die Rechtvorlesung zu verschlafen und pünktlich zur Mensa-Öffnungszeit aufzustehen.

Sonst halten Sie mich noch für einen langhaarigen Langzeitstudenten in einem geisteswissenschaftlichen Magisterstudiengang. Nächstes Mal, das hatte ich mir schon überlegt, würde ich einfach Theologie auf die Frage nach meinem Studienschwerpunkt antworten. Dann herrscht nämlich erstmal Ruhe, wie ich von einem studierten Pastor wusste. Die Leute möchten einfach beim Small-Talk die Religion, Attentate und überhaupt Politik außen vorlassen, um lieber stattdessen zweitstündige Wetterberichte zu diskutieren.

Was haben Sie denn studiert? Oder wo haben Sie denn studiert? Dies waren die nächsten Fangfragen, auf die ich wie bei einer Kochsendung schon einige passende Antworten vorbereitet hatte, um das Gespräch am Laufen zu halten. BWL kannte eben nicht jeder, manche hielten mich für einen Ingenieur, aber nach einiger Zeit nimmt man es als Kompliment. Ein anderes Mal wurde ich gefragt, ob ich denn jeden Tag von meiner Heimatstadt nach Hamburg zum Studieren pendeln würde. Genau, mit der Pendlerpauschale durch die Bundesländer bis in den Hörsaal.
Und in den 9-wöchigen Semesterferien fuhr ich anscheinend nach der Vorstellung dieser Leute, die nie einen Fuß oder einen Gedanken daran, in eine Uni gesetzt oder eine von innen gesehen hatten, denn dort spielten sich schreckliche Dinge ab, wie höhere Mathematik oder Personen, die etwas miteinander durchdiskutierten, und seien es Kurven, fuhr ich angeblich ins Hotel Mama, dass es seit anno dazumal, also eigentlich nie, gegeben hatte.

Ich schmiere mir meine Brote selbst, auch für die Uni. Jawohl und arbeiten konnte ich auch! Die Frau H., die studiert und dann arbeitet die auch noch! Die macht beides, sagte einmal eine Freundin voller Erstaunen über mich. Ich nahm es ebenfalls als Kompliment, da mir damit bescheinigt wurde, zwei Dinge zur gleichen Zeit tun zu können!
Oder nacheinander, erst arbeiten, dann in die Vorlesung, erst ins Seminar, dann zum Praktikum, wo ich für 500 Euro Vollzeit zur Verfügung stehen sollte, ohne gleichzeitig Vollzeit in der Uni präsent zu sein. Bachelor-Master-sei dank!

Master mache ich später, das ist so wie mit dem zweiten Kind. Das erste machte schon genug Ärger, 2 Jahre waren ein guter Abstand. Überhaupt, ich hatte schon an der Uni ganz vergessen, dass ich ja auch noch in diesem Leben irgendwann und irgendwo arbeiten wollte. Sollte. Müsste. Könnte. Würde.

Würde! Also, da war wieder das Bruttojahresgehalt und die Nettomonatsrealität. Bei der nächsten Frage des Personalers würde ich einfach vorschlagen, statt 12 Monaten, 24 daraus zu machen, um das Bruttojahresgehalt gleich zu verdoppeln und schon Mitte des Monats das halbe Gehalt für die Riester-Rente anzusparen. Wegem dem Zinseszins-Effekt (Bankkauffrau-Ausbildung) oder dem Leverage-Effekt (BWL-Grundstudium) oder der Win-Win-Situation (BWL-Haupstudium) oder dem B2B2C-Compliance-Double-Coffee-Effekt (Bachelor BWL) und natürlich wegen dem Offshore-Climate-Change-Programme (Master BWL). Oder dem Performance-Measurement-Risk-Management (Controlling-Prof., 6. Semester) und dem Work-Life-Balance-Syndrom (Soziologen-Deutsch) oder dem High-Quality-Lifestyle-Bonus (Marketing-Experten).

Oder eben einfach, um in der letzten Woche des Monats nicht bei der örtlichen Gemeinde nach der Telefonnummer der wöchtenlichen Tafel für Bedüftige fragen zu müssen, wenn der Discounter von gegenüber, deren Kassiererinnen das dreifache der studierten Leute verdienten, schon wieder plötzlich um 20 Uhr geschlossen hatte und es nicht half, beim Studierendenwerk einen Antrag auf Verlängerung der Öffnungszeiten zu stellen.

Am schönsten war ja ein Februar ohne Schaltjahr, denn dort reichte das Geld meist ohne Probleme. Schlimm waren Monate, an denen die Knöchel beim Abzählen blau schimmerten, die nicht nur 30, sondern 31 Tage hatten, wenn auch noch der letzte Tag im Monat auf ein Wochenende fiel und das Geld, Gehalt, Bafög, Unterhalt, Spenden, Stütze, Erbschaft erst in der ersten Woche des Folgemonats (Zeitarbeitsdeutsch) ausgezahlt wurde, und davon gab es noch zwei aufeinander folgende im heißen Sommer des Klimawandels, mit Regen bei 10 Grad, wo man eigentlich schon die Wintersachen der Obdachlosenbetreuung benötigte, sich aber stattdessen unter einem Regenschirm vor das Open-Air-Kino setzte, das einmal erfunden wurde, als im Sommer (Musik: Wann wird’s endlich mal wieder Sommer?) noch die Sonne schien.

Ach, mittlerweile war ich mit meinen Ansprüchen schon heruntergegangen, von meinem hohen Roß, auf dem ich am Wochenende immer ausritt, um die Uni-Bücher-Inhalte zu vergessen, zu steigen und würde auch ganz ohne Bezahlung arbeiten. Ein Trainee-Programm also. Ich sah schon eine quer wattierte Visitenkarte mit tiefer Imprägnierung: TRAINEE Downtown Management, und später SENIOR Business Consultant, oder gleich VICE President. Als wäre man je stolz darauf gewesen, senil zu werden. In der Geschäftswelt waren wir richtig scharf darauf. Das war der Hammer. Aber echt!

Social Media Marketing

1. September 2011

Xing und Facebook effizient benutzen von Inga Harms

Das Foto

Für Xing gilt eigentlich das gleiche wie für jede andere Darstellung im Internet oder bei Bewerbungen auch. Seriös sollte es sein, aber Lächeln darf man darauf auch gerne. Nicht unbedingt ein Passbild, eher ein natürliches Bild, das die Person eins zu eins erkennen lässt.

Bitte sehen Sie ab von Partyfotos auf Mallorca, wohlmöglich noch mit einem Sektglas in der Hand. Selbst wenn das Sonnenlicht Sie schöner erscheinen lässt, besser sind doch einfache Bilder ohne zusätzliche Ablenkungen.

Foto hochladen

Ganz einfach. Sie ziehen die Maus über das Bild, das Sie gerne bei Xing oder facebook einfügen möchten. Dann klicken Sie die rechte Maustaste und wählen Speichern unter, am besten als Speicherort auf den Desktop ablegen. Das Format für das Bild sollte auf .jpg enden, damit es verwendet werden kann. Jetzt haben Sie es fast geschafft, nur noch bei Xing oder facebook hochladen.

Dazu klicken Sie auf Ihrer Internet-Plattform auf Durchsuchen und wählen wiederum den Speicherort Desktop, wo Sie das Bild ja im JPG-Format zwischengespeichert haben. Und sagen nun Öffnen und wählen mit der Maus Ihr Bild aus. Fertig! Um alles weitere kümmert sich Ihr Rechner selbst und Sie profitieren von einem schönen Äußeren in Ihrem sozialen Netzwerk.

Jetzt können die anderen User Sie als echte Person wahrnehmen und nicht bloß als jemand, der kein Foto hat.

Wofür brauche ich Xing?

„Eigentlich benutze ich meinen Xing-Account gar nicht, ich glaube, da melde ich mich wieder ab.“ So meinte ein Bekannter neulich zu mir. Ganz falsch, ganz kalt. Genau dadurch lebt ja ein soziales Netzwerk wie Xing oder Facebook, dass dort möglichst viele User aktiv sind. Und dazu gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Je mehr Personen Sie als direkten Kontakt haben, umso schneller wächst Ihr Netzwerk. Sie kennen jemanden und der kennt jemanden, der Ihnen auch nützlich im beruflichen Sinne sein könnte. Also, am besten gleich als Kontakt hinzufügen.

Wichtig ist vielleicht noch Berufliches und Privates nicht zu sehr miteinander zu verschmelzen. Viele User machen es daher so, facebook ist privat und Xing ist geschäftlich. Klare Verhältnisse.

Ihre Berufsbezeichnung

Meine Schwester lässt ja gerne die Bezeichnung „Mutter“ bei Xing als Ihren aktuellen Beruf stehen, was ja an sich nichts schlimmes ist. Nur dass Sie im wahren Leben Dr. Diplom-Ingenieurin ist, verschweigt sie uns damit und auch den potentiellen Arbeitgebern, die eine zweifache Mutter mit Promotion gerne wieder jenseits von Herd und Wäsche beschäftigen möchten.

Daher sollten Sie darauf achten, hier die Wahrheit zu sagen. Denn sonst können keine konstruktiven Kontakte zu einer neuen Karrieremöglichkeit für Sie entdeckt werden.

Entdeckt werden

Genau, nicht nur nur Heidi Klum oder Dieter Bohlen laden sich gerne Kandidaten ein, um das Super-Mega-Talent für sich und Ihre Musik- oder Modeindustrie vermarkten zu können, auch bei Xing und Co. geht es darum, entdeckt zu werden. Gut ist, dass man bei Xing kein Casting durchlaufen muss, keiner muss dort singen oder auf dem Catwalk posen. Obwohl es sicher unterhaltsam wäre, aber die Fans dieser Ambitionen verweise ich auf You-Tube und My-Space.

Ihre Visitenkarte im Netz

Wer kennt es nicht, man ist auf einer Xing-Veranstaltung gelandet und blickt erstaunt in die Gesichter realer Personen. Keiner kann ihn abwarten, den Moment der Momente. Nein, nicht so vorschnell, das Buffett ist noch nicht eröffnet. Es geht um das Kernstück des Netzwerkens schlechthin: Der Austausch von Visitenkarten, jeder gegen jeden.

Obwohl es im Zeitalter von Xing doch eher old school ist, sich mit Papier zu beschäftigen, wo doch auch alles online geht. Nicht nur die Mails, auch die Kontakte werden ja nicht vor dem Standesamt, sondern jetzt mittlerweile bundesweit und darüber hinaus über Xing online geschlossen.

Von der virtuellen Realität ins wahre Leben

Dass die Personen, mit denen man bei Xing verknüpft ist, liebenswerte Menschen aus Fleisch und Blut sind, wird spätestens bei einem Treffen in einer der Großstädte in Deutschland deutlich, wenn sich Xing-Mitglieder über Vorträge und Veranstaltungen über das Social Web informieren oder sich fragen: Ich hasse Teamwork – bin ich damit allein?

Keine Angst vor facebook

Etliche Kommentare reichen von „Die Methoden finde ich fragwürdig.“ bis hin zu „Kenne ich, nutze ich aber nicht.“, so etwas habe ich schon oft über facebook gehört. Jeder Mensch ist im Internet genau wie im wahren Leben auch ein erwachsener Mensch, der seine eigenen Entscheidungen treffen kann.

Also, wenn man nichts damit zu tun haben möchte, ist das eine freie Entscheidung. Wer aber damals bei der Erfindung des Computers gesagt hätte, „Brauche ich nicht, habe noch eine Schreibmaschine zu Hause oder im Büro“, würde heutzutage ein kleines Problem haben. Ähnlich verhält es sich mit der Einschätzung bei der Einführung des Telefons, wie ein Dialog von Sir William Preece und Graham Bell im Jahre 1896 deutlich macht: No Sir. Die Amerikaner brauchen vielleicht das Telefon, wir aber nicht. Wir haben doch genügend Messenger Boys.

Klingt es in unseren Ohren nicht ähnlich, wenn jemand lautstark seine Meinung kundtut, No Sir. Ich brauche kein facebook! Wir können uns doch auch so E-Mails schreiben oder von zuhause aus miteinander telefonieren.

Eine solche Fehleinschätzung kann verherende Folgen haben, wie eine Bemerkung von Thomas Watson, Chef von IBM, 1943, zeigt: Es gibt einen Weltmarkt von etwa fünf Computern. Knapp um ein paar Millionen, Milliarden PC´s verschätzt, die heutzutage aus unserer mobilen Welt nicht mehr wegzudenken sind. Abgesehen von zig Milliarden I-Phones, I-Pads, Smartphones und E-Books.

Veränderung ist die einzige Konstante in unserem Leben

Wer hätte noch vor 20 Jahren damit gerechnet, dass wir einmal in der Lage sein würden, von jedem Ort auf der Welt mit jedem anderen Lebewesen, okay, noch haben Hunde und Katzen keine eigene Homepage, obwohl das auch bald kommt, kommunizieren können. Und an jedem Ort bedeutet überall. Im Bus, in der U-Bahn, auf der Straße. Besonders beliebt zur Zeit, die islamische Variante, Smartphone unter das Kopftuch klemmen, so hat man beide Hände für die schweren Einkaufstüten vom Discounter frei. Oder die junge Mutter, joggen mit Baby und gleichzeitig jedem, nicht nur dem Gesprächspartner am anderen Ende, sondern gleich allen, die neuesten Infos über die Entwicklung des Kindes mitzuteilen. Lässt sich nur noch übertreffen durch, Fahrrad fahren und mit dem Headset nach Feierabend radelnd zu telefonieren, was sehr lustig wird, wenn normale Radfahrer oder Fußgänger mit solchen Personen die Straße teilen und man sich fragt, meint der mich? Ach so, nein, die telefoniert mit Ihrer Mutter. Glück gehabt.

Oder man steckt sich zwei weiße Kopfhörer in seine Ohren und lauscht dem Sound seines I-Pods. Oder man trägt einen riesigen DJ-Kopfhörer und wähnt sich gleich im Paradies, oder auf dem eigenen Ikea-Sofa und nicht im hektischen Feierabendverkehr.

Xing sucht deinen Job

Über die sozialen Netzwerke gibt es die Möglichkeit, sich einen Job zu suchen, zu merken, sich online zu bewerben und sich finden zu lassen.

Letztens berichtete mir jemand, er habe seinen neuesten Job schlichtweg über Twitter bekommen. Kurz twittern, welchen Job man sucht und die Chance ist groß, dass jemand einen Treffer landet.

Preview auf das nächste Thema von Inga Harms:

Social Skills statt Soft Skills, welche Skills benötigen wir wirklich?

Stresstest

3. August 2011

Wer wird bestehen? Der Stuttgarter Hauptbahnhof 21 und was davon noch übrig ist? Die Atomkraftwerke, die bald abgeschaltet werden? Die Regierung von Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und die ganze Yes-We-Can-USA.

Ja, können wir noch? Wieviel halten wir denn aus? Wenn es hart auf hart kommt. Wenn uns plötzlich die Fachkräfte ausgehen und aus Osteuropa anreisen müssen? Wir haben Stress. Nicht bloss ein Test. Das ist real. Da ist alles günstiger!

Noch jemand ohne Burn-Out? Und in der Rush-Hour des Lebens Zeit für eine Pause? Leistung muss sich lohnen und Stress ist unser täglicher Begleiter, im Bus, in der Bahn oder im Auto. Fährt immer mit.

Sommer? Fehlanzeige, stattdessen Herbst und eine überfüllte Sauna am Montag abend, weil die Leute schon wieder reif fürs Wochenende sind. Weil zwei freie Tage nicht ausgereicht haben, um seine 355 facebook-Freunde zu treffen.

Die neue I-Phone App, lade Dir Zeit runter, soviel du brauchst und teil sie dir gut ein. In Tage der Arbeit und Tage der Freizeit. Für Sonnen- und Regentage. Geh in den Zoo, sieh den Delphinen zu, wie sie nicht raus können und immer im Kreis schwimmen. So wie wir. Von Montag bis Freitag uns im Kreis drehen.

Endlich mal rauskommen, ausspannen, das nennt sich so, weil die Pferde früher so “ausgespannt” wurden aus ihrem engen Zaumzeug, um mal den Hals zu strecken, nach einem neuen Horizont und mehr grünem Gras.

Frisch und fröhlich, frei, eintauchen, untertauchen, ohne Überschwemmungen, Dürren, Hunger und mehreren Billiarden Dollar.
Einfach mal nichts tun. Ganz ohne Stress.

Punkte sammeln

16. Juli 2011

Heute war sie endlich da, meine Budni-Card. Jetzt kann ich endlich Punkte sammeln. Was ich damit mache, weiß ich zwar noch nicht. Aber wenigstens kann ich jetzt sagen, wenn sie wieder an der Kasse fragen, haben Sie eine Karte? Zum Punktesammeln? Kann ich endlich erwidern, klar, hab ich ! Her mit den Punkten, da macht das Shoppen noch viel mehr Spaß!

Was man nicht alles kaufen musste, Bodylotion für die ausgetrocknete Haut nach dem Duschen, Zahnpasta, Zahnbürsten, Bürsten für die Haare, Creme für die Hände und Labello für die Lippen. Man könnte meinen, der Körper fällt auseinander ohne diese Dinge.

Letztens war ich bei der Kosmetik und meine Haut wurde analysiert, es waren normale Werte, nur die Feuchtigkeit fehlte, dazu sollte ich mindestens 2 Liter Wasser täglich trinken, na gut. Das ist ja nicht schwer.

Viel schwerer ist es den Latte Macchiatto zu entkommen, die mich mit ihrem Karamel-Geschmack und Kakao-Pulver, Zimtstreuseln und Chai Latte Läden verfolgten wie eine einzige Kaffee-Paranoia. Wie sollte der Tag beginnen, wenn nicht mit einem Becher von der bekannten Marke, in grün oder dunkelbraun. Mit einem weißen Deckel oben drauf, und einem Trinkschlitz zum Schlürfen, heißen Kaffee in der Kehle, vor der Ampel, im Fahrstuhl, auf der Straße, im Bus, in der U-Bahn. Wie im Pflegeheim, erwachsene Männer und Frauen, mit Pappbechern und Deckel unterwegs in den Job. Very busy and very important.

Früher gab es ja noch Kaffee aus Kaffeemaschinen, die nicht Jura hießen. Mit Bärenmarke-Milch oder sogar mit Sahne. Kaffeesahne. Ach, jetzt werde ich nostalgisch.

Damals habe ich doch nur Tee getrunken, Kaffee war mir immer zu bitter. Das war was für Erwachsene, die knallharte Entscheidungen zu treffen hatten. Über das Leben. Sich für oder gegen Kinder entschieden mussten. Und die ganze Zeit, eigenlich ja ihr ganzes Leben arbeiteten. In einem Vollzeit-Job in einer Festanstellung. Und in einem Haus wohnten, über Jahrzehnte. Heutzutage war so etwas unvorstellbar. Eigentlich war es schon unvorstellbar, über ein halbes oder ein Jahr die gleiche Arbeit zu haben.

Der Kaffee wurde erst genießbar, als Leute begannen, literweiße Milch von EU-Kühen subventioniert zu verlängern. Als würden die Kühe in der ganzen EU und auf der ganzen Welt, wo es Kühe gab, nur dazu gemolken, um Milchschaum für den Latte Macchiatto herzustellen. Man konnte den Milchschaum auch gleich in der Kuh aufschäumen. Es musste alles nach mehr aussehen, dafür gibt es Marketing. Mehr als eigentlich drin enthalten ist, alles andere war nur Schaum.

Unsere Träume und Phantasien, wir ließen ihnen freien Lauf. Sie sangen auf den Bühnen der Superstars und sie stöckelten auf den Laufstegen der nächsten deutschen Topmädels vor unseren Augen und vor unseren Spiegeln auf und ab. Am nächsten Tag hatten wir sie vergessen. Wir wollten nur unterhalten werden. Nichts selbst tun. Wir bezahlen und lassen uns bespaßen. Von anderen, jungen Talenten ohne Aussicht auf den Alltag. Knapp an der Realität vorbei.

Nie gab es einen Löffel oder einen Strohhalm, an dem wir uns festhalten konnten. Der letzte Rest Milchschaum blieb immer im Pappbecher kleben, als wollte er uns zurufen, hä, hier bleibe ich, mich kriegt ihr nicht. Mit meinem Caramel-Tränen und den Luftblasen zwischen den Milchproteinen verweigere ich mich eurem Konsum. Ich trockne still vor mich hin, bis ich ganz kalt geworden bin.

Alles, was ich brauche, ist ein Rechner, eine Flat für mein Handy, das jetzt Smartphone heißt, nicht nur die Autos sind Smart, auch die Telefone. Obwohl niemand mehr damit telefonierte, man konnte viel besser gleich simsen oder mailen. Fertig. Brief wird abgeschickt.

Überall an Orten, von denen man es nie gedacht hätte, gab es plötzlich kostenloses W-Lan und jeder war jederzeit von überall aus erreichbar. Pausen gab es nicht mehr. Es war quasi wie ein Telefonhörer, den man nie wieder auflegte. Es war arbeiten in einem Zimmer, dessen Tür man nie schließen konnte. Es war wie ein Fenster ohne Vorhang, durch das jeder hinein und hinausschauen konnte. Jeder wusste von jedem, auch von denen, die er nicht kannte, was derjenige gerade wo und warum und wielange tat. Sie waren nicht unsichtbar geworden, sie waren das Gegenteil. Sie konnten leben ohne zu leben, atmen ohne zu sprechen, sehen ohne zu hören. Sie waren online erreichbar und multimedial vernetzt.

Noch machte es Spaß. Es gefiel ihnen sogar. Sehr! Keiner sah die Schattenseite von alldem.